in Kultur – Allover

Buchmesse 2011

Zugegeben, das ist ein alter Text, der Vollständigkeit halber und weil ich ihn mag, habe ich ihn dennoch eingefügt.

13.10.2011 – Buchmesse 2011 (mit G und K *zwinker)

G hat einen multiplen Signalschaden. Sagt der Schaffner seiner Bahn, er komme 30
Minuten zu spät. Also seine Bahn. Nicht er. Der Signalschaden. Schreibt G per SMS
aus dem Zug.
Amüsiere mich noch mit K über das Wort, probiere es an vielen Beispielen unserer
Umgebung aus „Haha, ich hab da auch so einige Kollegen mit multiplem Signalschaden“,
die üblichen 20% von mir grübeln im Untergrund meines Kopfes über meinen eigenen
Signalschaden nach, ganz gelassen nebenher.
Es ist ein schöner Tag, wir haben soviel Zeit für die Buchmesse vor uns, 30 Minuten sind
völlig egal. Hauptbahnhof Frankfurt, wir warten auf G der die Tickets hat, holen uns
einen Kaffee und lassen uns von Menschen mit Rollkoffern umströmen.
Bei K und Ihren Kindern hatte ich die letzten zwei Tage verbracht. Bei manchen
Freundschaften weiß man ja nicht warum. Streckenweise oder auch länger. Sie andauern.
Wenn Sie es tun ist es schön, diese lange Zeit, die man sich kennt. Erzeugt Wärme. Abitur
haben wir zusammen gemacht, 1987. Ohne K hätte ich wohl 1988 gemacht, weil jemand
musste mich ja durch die Matheprüfung lotsen. Aber das ist ein anderes Thema. K und ihre

zwei Kinder von zwei Männern, 15 und 11, kenne beide von klein auf – gut
macht sie das unterm Strich. Völlig anders als ich und gut. Herbstferien in Hessen,
sie hat sich heute einen Tag frei von allem genommen und wir werden zu zweit auf
Entdeckungstour gehen, die Veranstaltungen, die uns interessieren, haben wir gestern
Abend in Begleitung einiger Getränke ausgesucht und ausgedruckt. Der „Lesbisch-schwule
Sektempfang“ kam zu späterer Stunde auf die Liste, mal sehen, wo die Füße uns hintragen.
Als G dann da ist, funktioniert unsere Kleingruppe schon unterwegs gut, ich kann
diverse „Kürzlich habe ich gelesen, dass…“ zum besten geben, immer in der Annahme,
dass sich auch der Rest der Menschheit für meine Wahrnehmungen interessiert. Auch
meinen momentanen Lieblingswitz von Vince Ebert werde ich los: „Mein Nachbar hat mir
das erklärt. Er ist nicht einfach nur faul, er ist ein trockener Workoholic“.
Mit G habe ich studiert. Naja, er zuende, ich habe ein halbes Vordiplom zustande
gebracht. Hier sehen wir den anderen Freundschaftstyp. Wie kann man sich in so vielen
Dingen so ähnlich sein und sich dabei so unterschiedlich entwickeln. Als ich ihn das erste
Mal sah, saß ich orientierungslos in der letzten Reihe der Einführungsveranstaltung
Psychologie und da ich ein Kind der Achtziger bin, sah das nach außen wahrscheinlich
emotionslos aus. G kam herein geschlendert (wirklich: geschlendert) und als er lachend
sein langes Haar zurück warf (er hatte gut lachen weil schon Anschluss gefunden und im
Gespräch mit anderen) konnte ich nur mit Mühe ein distanzierendes Aufstöhnen
unterdrücken. G war das egal, denn die Beobachtungsrichtung war einseitig und er
wusste nicht, dass ich da saß und ihn nicht mochte. Seit wir das erste Mal miteinander
sprachen, sind wir befreundet. Auf der Buchmesse hat er ein paar geschäftliche Termine,
denn G ist auch Autor. Ja, ein Autor der auch schon mehrfach veröffentlicht hat. Und
mein Freund. Habe es ja schon immer gewusst.
Beschließen ein paar mögliche Treffpunkte, verlassen uns auf die Handys und trennen uns
auf der Messe.
Das Buchmessegelände. Menschen, erfüllt von Ihrer Bedeutung, stehen an Ständen und
führen wichtige Gespräche. Sausen auch gerne mal hektisch durch die Gänge auf dem Weg
zum nächsten wichtigen Termin. Weil es hier um Bücher und nicht um Tapetengroßhandel
geht, mag ich den Menschen die Bedeutung zusprechen. Mensch, da werden die erleichtert
sein, dass ich sie nicht albern finde, Glück gehabt. Bin sogar neidisch, weil wäre auch gerne
ein wichtiger Mensch auf der Buchmesse, bei dem ein Raunen durch die Leute geht „Boah,
haste gesehen, da vorne geht die R, was die anfasst wird ein Besteller, sieht ein
bisschen arrogant aus, soll aber ein ganz interessanter Mensch sein“. Da ich das auf der
anderen Seite gerne nur für fünf Tage Buchmesse hätte und für die anderen
dreihundertsechzig Tage mein eigenes Leben bevorzuge, geht das unterm Strich wohl in
Ordnung wie es ist.
Bei „Tasting Wines of Brasil“ treffen wir G wieder. Die Standnummer hat er sich
gleich gemerkt. Auch wenn er sagt, er sei Nummernautist, ich denke es hat auch mit der Art
der Veranstaltung zu tun. Er hat Vorsprung und steht ganz zufrieden mit seinem
Rotweinglas da, wir holen auf.
Beschließen, noch bei dem Interview mit Charlotte Roche auf dem blauen Sofa vorbei zu
gehen. Hatte uns zwar gestern bei der Vorauswahl nicht interessiert, ist ja alles nur
Selbstvermarktung, aber liegt fast auf dem Weg. Und ist dann doch so interessant, dass wir
bis zum Ende bleiben. Außerdem interviewt Luzia Braun. Wenn ich es mir aussuchen
könnte, wäre ich gerne dieser Frauentyp. Äußerlich. Im Auftreten. Ist nur leider sozusagen
das andere Ende der Skala.
Aber Charlotte Roche gewinnt im persönlichen Auftritt, wirkt authentisch und ehrlich und
man scheint einer persönlichen Kontaktaufnahme beider Interviewpartner beizuwohnen und
nicht dem Abarbeiten eines Fragenkataloges.
K und ich ziehen weiter. In diesem Jahr ist Island Ehrengast, mal sehen, was sie aus
Ihrem Pavillion gemacht haben. Argentinien im letzten Jahr war kühl, Island empfängt uns
mit nordischer Wärme. Der große Raum ist dunkel wie der nordische Winter, überall leuchtet
warmes Licht, Kerzenatmosphäre über den großzügig verteilten Holztischen zwischen
Bücherregalen, die zum Verweilen einladen. Das haben sie schön gemacht, die Isländer,
eine Leseoase.
Lassen uns über die Messe treiben, ich habe die schicken Stiefel schon lange gegen die
Not-Flipflops aus meiner Handtasche getauscht.
Ich liebe die Buchmesse, am Dr.-Oetker-Stand stehen wir plötzlich neben Johan Lafer und
Sarah Wiener (auch wir sind natürlich inzwischen von diesen ganzen Kochsendungen
gelangweilt, aber toll ist das dann doch), Dieter Moor sitzt auf der Agora ganz
selbstverständlich auf der Bierbank und isst etwas, Ruth-Maria Kubitschek kreuzt unseren
Weg. Überall blitzen Gesichter auf, die man irgendwoher kennt und in großer
Selbstverständlichkeit können sich auch die bekannten Menschen frei bewegen, als wäre
die Buchmesse eine Art Shared Space den man sich teilt und gemeinsam nutzt.
Beim Poetry Slam, den wir uns einfach mal anschauen wollen, gibt es Sitzplätze. Erst
wollen wir nur mal schauen, dann bleiben wir und sind begeistert. Nicht nur wegen der
Schonung unserer Füße. Sondern wegen der Jungs. Der Texte. Noch gestern Abend war
ich Karin gegenüber der Meinung, dass ich mir mehr Empörung und Engagement bei den
Jugendlichen wünschen würde statt des Desinteresses und dem Rückzug ins Private.
Schwerer Fehler, wieder geirrt. Tilmann Döring, geschätzte 18, legt Texte und einen Auftritt
vor, die mich schwer beeindrucken. Vorgestellt wird als Altvater Torsten Sträter, der aus
seinem Buch „Der David ist dem Goliath sein Tod“ die Struppi-Geschichte liest. K und
ich lachen Tränen, in mir keimt die Idee, es mit humoristischen Kurztexten zu probieren.

Rückfahrt mit der Bahn. K ist schon aufgebrochen, G und ich sitzen am Bahnsteig,
ein Döschen mit Asiafood in den Händen, ein Viertelchen Wein im Rucksack für die Fahrt.
Erschöpft und zufrieden ziehen wir Resümée, wir waren dabei an diesem Kulturtag.
„An Bahnsteig 6, der ICE 876 wird wegen verspäteter Bereitstellung leider ca. 20 Minuten
später eintreffen“. In der Erkenntnis, dass wir unseren Anschlusszug verpassen werden und
weil unsere Körper glutamatüberschwemmt sind, machen wir den Wein bereits am
Bahnsteig auf. Egal, kennt uns ja niemand hier und Bukowski ist auch berühmt geworden.
Die Theorien, was eine verspätete Bereitstellung verursacht haben könnte, werden wilder.
Aber, ganz am Ende dieses Tages, macht mir die Durchsage des badischen Schaffners auf
dem letzten Stück der Heimreise klar, ich teile meine Lebensphilosophie mit der Deutschen
Bahn und überhaupt, sind wir alle eine große Familie: „Sehr geehrte Zuggäste, wegen
verschiedener Verschiebungen im Zugverkehr fahren wir jetzt erstmal zu und schauen dann,
was sich im weiteren Reiseverlauf an Verbindungen ergibt“.