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Ich gebe zu, dieser Text hat mich an meinen Rand gebracht und ich glaube, ich habe nur deswegen nicht locker gelassen, weil diese Buchempfehlung von einem Freund kam, dessen Meinung mir viel bedeutet.

Manche Textstellen habe ich mehrfach gelesen, den ganzen Text bis zu diesem Punkt zweimal. Ein Unterfangen, dass möglich ist, da es sich bei diesem Büchlein aus dem Verlag Matthes & Seitz (in der Reihe Fröhliche Wissenschaft!, haha) wirklich um ein dünnes Büchlein mit 60 Seiten handelt.

Der Autor Byung-Chul Han (geb. 1959 in Seoul, Südkorea) ist Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft an der Universität der Künste in Berlin und Autor diverser philosophischer Schriften und gesellschaftsrelevanter Essays.

Uff, so liest sich das dann auch. Ich kämpfte mich durch Sätze wie „Die Dialektik der Negativität ist der Grundzug der Immunität. Das immunologisch Andere ist das Negative, das in das Eigene eindringt und es zu negieren sucht“. Ich habe insofern keinen Trost, als das der Satz im Kontext auch nicht viel schneller zu begreifen ist, zumindest wenn man in der Verarbeitung von Abstraktionen nicht sehr geübt ist.

Trotzdem ist das Buch eine unbedingte Empfehlung, da der zugrundeliegende Gedankengang wirklich interessant ist. Und nun, es ist ein philosophisches Essay, die sperrige Lesart ist sozusagen immanent. Ich versuche mich hier also an einem umgangssprachlichen Exzerpt.

Die zentralen Aussagen lauten:

– Wir leben heute nicht mehr in einem immunologischen Zeitalter. Früher waren die Krankheiten, die uns beherrschten, bakterieller und -nach der Erfindung des Antibiotikums- viraler Art. Im Kleinen betrachtet waren wir hauptsächlich auf die Abwehr von Krankheiten, die von außen kommen, ausgerichtet. Übertragen auf die Gesellschaft unterschieden wir in Fremdes und Eigenes und Feind oder Freund. Diese Einstellungen spiegelten sich im Kalten Krieg und den gesellschaftlichen Ängsten wie z.B. vor einer Pandemie wieder. Das Andere war negativ und gefährlich und wurde in einer Immunreaktion abgewehrt.

– Die Globalisierung macht eine immunologische Gesellschaft unmöglich, die Andersheit , die eine Immunreaktion auslöst, würde eine Auflösung von Grenzen nicht zulassen.

Heute ist an die Stelle der Andersheit die Differenz getreten, aus einem direkten Gegenüber, dem Fremden, wurde eine Unterschiedlichkeit zum Eigenen, die keine Immunreaktion mehr hervorruft. So leiden wir heute an einem zuviel des Gleichen, Byung-Chul Han sagt hierzu: “ Das beginnende 21. Jahrhundert ist, pathologisch gesehen … neuronal bestimmt. Neuronale Erkrankungen wie Depression, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS), Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) oder Burnout-Syndrom (BS) bestimmen die pathologische Landschaft … . Sie sind keine Infektionen, sondern Infarkte … „.

– Die frühere Gesellschaft war eine Disziplinargesellschaft, in der die Negativität des Verbots und die Regel des Zwangs geherrscht hat, es galt das Nicht-dürfen und das Sollen. Hieraus ist heute eine Leistungsgesellschaft geworden, die beherrscht wird von der Idee des Könnens. Oder, im Zitat gesprochen: „An die Stelle von Verbot, Gebot oder Gesetz treten Projekt, Initiative und Motivation. Die Disziplinargesellschaft ist vom Nein beherrscht. Ihre Negativität erzeugt Verrückte und Verbrecher. Die Leistungsgesellschaft bringt dagegen Depressive und Versager hervor“.

– Dieser Wechsel ist auch enstanden, weil die Produktivität der Disziplinargesellschaft endlich ist. „Die Positivität des Könnens ist ist viel effizienter als die Negativität des Sollens“. Die Freiheit der Leistungsgesellschaft ist eine Chimäre, in einer Gesellschaft die sagt „Yes we can“ und „Nichts ist unmöglich“ wird die Ausbeutung durch die Selbstausbeutung des Können-Sollens abgelöst.

– In der Leistungs- und Informationsgesellschaft sind wir ständig einem zuviel an Reizen und Informationen ausgesetzt. Dies verändert unsere Aufmerksamkeitsstruktur in die Breite, ähnlich einem Tier, das während des Fressens, des Schlafens und des Paarens auch gleichzeitig die Beute verteidigen muss oder selbst nicht zur Beute werden darf. So ist Multitasking keine fortschrittliche Errungenschaft sondern ein Rückschritt ins tierische, das nichts losgelöst betrachten kann.

Tiefe Aufmerksamkeit wird für uns immer schwieriger, da schnelle Fokuswechsel zwischen verschiedenen Aufgaben unsere Aufmerksamkeit zerstreuen, Hyperaufmerksamkeit und Nervosität sind die Folge.

Der ständige Versuch alles zu wissen und alles zu Können führt zur kollektiven Erschöpfung.

– Gleichzeitig verlieren wir den Zugang zu negativen Gefühlen wie Wut oder Trauer, diese gehen in der allgemeinen Beschleunigung und Forderung nach Positivität unter. Dabei sind diese Gefühle große Einschnitte die zum Innehalten zwingen und zu Änderungen befähigen. Hierzu schreibt Byung-Chul Han: „Die Wut ist ein Vermögen, das in der Lage ist, einen Zustand zu unterbrechen und einen neuen Zustand beginnen zu lassen. Sie weicht heute immer mehr dem Ärgernis oder dem Angenervtsein, das keine einschneidende Veränderung zu bewirken vermag. So ärgert man sich heute auch über das Unvermeidliche, das Ärgern verhält sich zur Wut wie die Furcht zur Angst“.

– In diesem Sinne ist Kontemplation und Geduld für Langeweile ein Luxus, der kulturelle Leistung erst ermöglicht.

Der Schluss des Buches ist ein Plädoyer für Zwischen-Zeiten, ein Innehalten und Nichts-tun-müssen als Mittel gegen die Müdigkeit im und am Leben.