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März 2015

in Kultur – Allover

Im Kino: Shaun das Schaf

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Heute mal etwas nur zum Spaß: Ich liebe Shaun das Schaf. Nun also endlich der Film. Natürlich habe auch ich mich gefragt, ob mit den Charakteren ein ganzer Film gefüllt werden kann, aber nachdem ich mir die Lachtränen abgewischt habe,  antworte ich mit einem vollen Ja.

Zur Geschichte: Tagein, tagaus derselbe Trott auf der Farm. Aufstehen, zur Weide latschen, zurücklatschen, schlafen, am nächsten Tag von vorne. Ab und an geschoren werden, dann wieder zur Weide latschen. Shaun will einfach mal Urlaub und macht einen verwegenen Plan. Der Farmer soll trickreich einen Tag im Wohnwagen durchschlafen, damit sich die Herde einen gemütlichen Tag im Haus machen kann. Die Ente lenkt Bitzer ab und für einen kurzen Moment sieht alles gut aus, aber wie immer, wenn Shaun einen Plan macht, ist das die Ruhe vor dem echten Chaos.

Dann startet eine richtige Screwball-Komödie. Natürlich macht sich der Wohnwagen selbstständig und rollt unaufhaltsam in die Stadt, weder Shaun und die Herde noch Bitzer können ihn aufhalten. Eine Verwicklung kommt zur nächsten, der Farmer erleidet Gedächtnisverlust und wird dank seiner Scherkenntnisse zum Starfrisör der Stadt, Bitzer wird vom gemeinen Tierfänger Trumper gefangen genommen und die Herde sucht mit allen Mitteln nach den Beiden.

Die ganze Geschichte ist mit so vielen liebevollen Details und lustigen Figuren ausgeschmückt, wenn Shirley, das Dickschaf, stecken bleibt, oder Timmy, das jüngste Herdenmitglied zur Tarnung wie ein Schäfchenrucksack auf den Rücken gebunden wird, man wird gar nicht fertig mit Schauen. Wer einen vergnüglichen Sonntagnachmittag erleben will, immer rein in den Film. Ich schaue ihn mir nochmal an und ich gehe wieder in die Kindervorstellung, das Gegacker der Kleinen war die Sahnehaube auf dem Spaß.

Achtung, Nebenwirkung! Summe immer noch die Erkennungsmelodie … Dadada, Dadada … hmhmhmhmh … Dadadada …

in Kultur – Allover

Im Kino: Stopping – Wie man die Welt anhält

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Hektik, Stress, Leistungsdruck und permanenter Einsatz: vier Menschen zwischen Berlin und London, die im Alltag stark gefordert sind, suchen die Stille und Ruhe der Meditation, um in ihrem Leben besser gewappnet zu sein. Im Rückzug auf sich selbst, in der Fokussierung auf das Elementare wollen sie die Kraft für Veränderungen finden.

Der Film begleitet sie zu ihren Kursen: Friedrich, ein Anästhesiearzt, fährt ins Allgäu und erlernt im Buddha-Haus Vipassana-Meditation, eine Praxis, die sich vor allem auf den Atem konzentriert. In London nimmt Dorothea, eine Lektorin in einem wissenschaftlichen Verlag, an einem achtwöchigen MBSR Kurs teil – eine Achtsamkeitsmeditation zur Reduktion von Stress. Uta, Mutter dreier Kinder, möchte gelassener mit ihren Kindern umgehen. Die anthroposophische Meditation öffnet ihr die Augen für das Lebendige in unserem Alltag. Nico, ein Theologe, sieht das Ganze eher sportlich. Bei einem Kurs im Kloster Schönböken nördlich von Lübeck übt er Zazen, dreimal täglich 90 Minuten lang.

Vier Menschen, vier Meditationstechniken – dieser ruhige und fließende Dokumentarfilm zeigt vier individuelle Wege zur Meditation. Dabei erhebt er nicht den Anspruch auf die ultimative Antwort nach der Frage, wie ein gutes und bewusstes Leben gelingen könne. Er macht aber Lust darauf, sich auf den Weg zu begeben, seinen eigenen Weg zu suchen, zum inneren Kern, zur Achtsamkeit mit sich selbst und zum Wohlwollen für die Welt.

Mein Fazit: Wer keine dezidierte Anleitung zur Meditation sucht, sondern sich einfach inspirieren lassen will für die eigene Reise, für den ist dieser Film ein Gewinn. Einlassen und anschauen…

in Kultur – Allover, Kultur – Bücher

Der Circle – Dave Eggers

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Der Circle ist ein IT Science Fiction, der sich liest wie eine Mischung aus John Grishams „Die Firma“ und einer Stellenbeschreibung von Microsoft. Mae Holland, 24 Jahre alt, ergattert über eine Freundin einen Job in der Trendfirma Circle. Die digital Hipster haben facebook, Google und Co. längst in ihrer Bedeutung überflügelt, indem sie jeden Menschen mit einer unverwechselbaren Internetidentität ausstatten, mit der sich virtuell leben lässt.

Mit Begeisterung stürzt sich Mae in die neuen Aufgaben, hingerissen von Ruf und Einfluss der neuen Firma, den modernen und riesigen Firmengebäuden, den weitläufigen Parks und schicken Veranstaltungen. Mal spielen am Abend die angesagtesten Bands für die Mitarbeiter auf, dann wieder bereiten die besten Sterneköche das Mittagessen oder es lockt ein Musterraum mit kostenlosen Proben neuer Waren: Markenturnschuhe, Schmuck, Kosmetika, alles kann noch vor der Markteinführung kostenlos mitgenommen werden.
Der Circle umsorgt die Mitarbeiter mit einem Gesundheitsprogramm, bei dem über Sensoren permanent alle Körperdaten gescannt und in der firmeneigenen Cloud gespeichert werden. Natürlich zum Besten des Einzelnen.
Soziale Aktivitäten, die Beteiligung am Freizeitprogramm, die Arbeitsleistung; alles wird in Scores erfasst und bewertet, natürlich zum Besten der Gemeinschaft. Jeder Mitarbeiter kann jederzeit auf dem Firmengelände geortet werden, natürlich zur Förderung der Kommunikation.

Auch nach außen hat der Circle für jede Neuerung gute Argumente: Wer nichts zu verbergen hat, muss nicht auf Datenschutz bestehen. Mit dieser Argumentation führt der Circle z.B. die „Transparenz“ ein, die permanente Überwachung von Politikern, die künftig rund um die Uhr per Kamera Online von allen beobachtet werden können. Dies soll Korruption vermeiden. Wer sich dem widersetzt hat nach einiger Zeit keine Chance mehr, überhaupt gewählt zu werden. Der Tenor lautet: Wenn es keine Privatsphäre gibt, gibt es keinen Raum für Lügen und Kriminalität. Überwachung macht das Zusammenleben sicherer.

Die Arbeitsanforderung an Mae steigen schnell, doch kostenlose Übernachtungsmöglichkeiten auf dem Firmengelände, die kostenlose Krankenversicherung für ihre nicht mehr versicherbaren Eltern und die Aussicht auf Karriere lässt sie den Weg konsequent weiter beschreiten. Zunehmend verliert sie den Kontakt zur Außenwelt und zu ihren Eltern. Bei einem offiziellen Clearing nach einem kleinen Fehltritt (eine Szene, die wie aus der Scientology-Zentrale wirkt), wird Mae selbst „transparent“, nachdem man ihr den Slogan „Privates ist Diebstahl“ entlockt hat.

Nur ihre geheime Affäre mit „Kaldon“, einem Phantom auf dem Circle-Gelände, das sich als Untergrund-Rebell entpuppt, lässt Mae am Circle zweifeln…

Soweit der Plot, ohne finale Verwicklungen und das Ende zu verraten. Zu Beginn des Buches nervt mich Maes Naivität, mit der sie sich dem Schein hingibt. Ihre Unterwürfigkeit bei jeder Forderung ihres Arbeitgebers, sei es die eigene Überwachbarkeit, die Arbeitsmenge oder die Teilhabe an allen Aktivitäten und auch noch die Bereitschaft, sich für alles zu rechtfertigen, würden mich bei einem jungen und selbstbewussten Menschen erstaunen. Allerdings kann das an meiner Generation liegen, denn ich bin in einer Zeit groß geworden, in der es Arbeit gab, einen Feierabend und dann ein Privatleben.
Aber obwohl die Entwicklung der zunehmenden Selbstaufgabe absehbar ist, liest sich das Buch leicht und natürlich will ich nun wissen, wie es weitergeht. Hier sind viele Facetten aktueller Fragen zusammengekocht: Die Entwicklung moderner Arbeitswelten, die Diskussion um Datenschutz und Privatsphäre, die Macht weniger Internetfirmen, die Verlässlichkeit von Informationen und wie diese gesteuert werden können. Man wird das Buch nicht aus der Hand legen ohne sich danach hier und da an die Geschichte erinnert zu fühlen.

Lediglich die Idee, dies alles werde von einer einzigen Firma gesteuert ist ein bisschen sehr verschörungstheoretisch. Tatsächlich funktioniert die Praxis viel subtiler, indem sich gesellschaftliche Realitäten ändern, Menschen nach dem japanischen Modell mit ihren Firmen zu einem Lebensgefühl verschmelzen und Datenschutz vielleicht einmal eine Idee ist, der man nachtrauert wie einem schönen, aber ausgestorbenen Tier.

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-30820-4
Preis: 19,99

in Versatzstücke

Leben to Go

Heute hatte ich endlich mal Zeit, in meiner Lieblingsbuchhandlung zu stöbern. Sitze also auf meinem Schemelchen und lese quer durch all die Achtsamkeits- und Entschleunigungsbücher. Zwischendrin hatte ich eine nette Plauderei mit der Buchhändlerin und war gerade so recht entspannt mit all den kleinen Botschaften, die ich aufgeschnappt hatte, als mich ein Keuchen aufhorchen lies. Eine Kundin eilte an mir vorbei zur Buchhändlerin und fragte aufgeregt, sie hätte gerne eine Buchempfehlung gekauft, müsse aber gleich ihren Zug erreichen, ob man ihr schnell helfen können. Sie hätte gerne das Buch „Achtsamkeit To Go“.

Ich musste so lachen, erst recht als mir die Kundin augenzwinkernd verriet „Für mehr Achtsamkeit habe ich einfach keine Zeit“. Kenne das Buch nicht, aber den Ansatz finde ich skurril. Sachen gibt’s…

in Kultur – Allover, Kultur – Bücher

Die Nacht des Zorns – Fred Vargas

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Die Fortsetzung der Krimi-Kultserie mit Kommissar Adamsberg, dem erdigen Ermittler aus Béarn, der, inzwischen in Paris beheimatet, seine Heimat am Fuße der Pyrenäen in sich trägt. Er leitet das eigenwilligste Kommissariat der Stadt, ein Verschrobener unter Sonderlingen. Seine Fälle löst er mit einer irritierenden Mischung aus Langsamkeit und Intuition, seine Kollegen sind depressive Trinker mit Hochbegabung, Narkoleptiker, Naivlinge mit großem Herz. An Konflikten nicht arm entsteht aus dem Gemisch jedoch die Genialität, die Gegner entwaffnet und Kritiker in den eigenen Reihen mundtot macht.

Dabei begeht Adamsberg Fehler, betrügt immer wieder die Frau die er liebt, verletzt Menschen mit seiner Eigenart und kann doch nicht anders. Die Menschen wiederum, die einen Hang zu Zwischentönen haben, können sich der animalischen Intensität und der grundsätzlichen Liebenswürdigkeit des Adamsberg nicht entziehen.

Im neunten Band „Die Nacht des Zorns“ vermischen sich große und kleine Handlungsstränge und ergeben wieder ein buntes Bild. Ein erschöpfter Greis erstickt seine nörgelnde Ehefrau mit Baguette, ein Großindustrieller wird in seinem Auto verbrannt, eine Taube vor dem sicheren Tod gerettet und da ist auch noch Adamsbergs Sohn, von dem er nicht wusste und den er erst kennenlernen muss.  Und eigentlich dreht sich doch alles um eine Ermittlung in der Normandie, in der ein Mythos wieder aufersteht und für Gerechtigkeit sorgen soll. Eine Schattenarmee, das „Wütende Heer“, reitet seit Jahrhunderten und sühnt Verbrechen, die ungestraft sind. Eine Vision kündigt ihr Kommen an und bald darauf gibt es die ersten Toten. Können Adamsberg und seine Ermittler den Aberglauben entzaubern und den wahren Mörder finden?

Am Ende fügt sich, wie im Gehirn des Adamsberg, eins ins andere und die Lösung ist gefunden. Wie es genau gegangen ist, kann keiner sagen, aber alles ist logisch und passt.

Die Romane der Fred Vargas sind weit mehr als Krimiliteratur, die Ideen teilweise skurril, die Chraktere eigenwillig, der Plot dicht, die Sprache vergnüglich.

Wenn ich kleinlich sein will, gibt es einen Kritikpunkt. Die Figur des Adamsberg funktioniert so gut, dass er inzwischen etwas spitz stilisiert ist. Mehrfach wird sein verwaschener Blick, seine Eigenart, seine Unangepasstheit kultiviert, so dass ich mich darauf gestoßen fühle. Aber trotzdem, ein großes Lesespaß, der mir zwei gemütliche Abende beschert hat.

Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-7466-2937-7
Preis: 9,99 €