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September 2013

in Kultur – Allover, Kultur – Bücher, Politik und Gesellschaft

Der überflüssige Mensch – Ilija Trojanow

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es gibt Gedanken die mich beunruhigen und die durch mich hindurchfließen wie ein unangenehmes Gefühl. Immer wenn die Bildzeitung ihre quartalsweise Hetzjagd auf Sozialschmarotzer eröffnet und ich mich frage, ob wir uns als eines der reichsten Länder der Erde das nicht mehr leisten können, die handvoll leistungsunwilligen Systembetrüger. Weil dabei eine Art Generalschuld entsteht für alle Menschen, die nicht mehr mithalten in unserer Zeit und weil es Prinzipien gibt wie die Rechtsstaatlichkeit und die soziale Fürsorge, die ich uneingeschränkt befürworte. Und weil es wirklich schlimmere Ungerechtigkeiten für Seite eins gibt als die 394,- € von Kalle, der Sozialsau, die auf Mallorca lebt.

Im Rechtsstaat gilt die Unschuldsvermutung bis zum Beweis des Gegenteils und ich weiß, dass dadurch manche entkommen.
Bei der Fürsorge gilt die Sorge um die Schwachen und ich akzeptiere, dass das System ausgenutzt werden kann.

Schrecklicher fände ich die Idee, einen Unschuldigen zu verurteilen oder einen Bedürftigen hungern zu lassen. Ganz abgesehen von der Wahrheit, dass es auch in Zukunft keine Vollbeschäftigung mit würdevollen Arbeitsplätzen geben wird, auch wenn wir alle Sozialschmarotzer gefunden haben.

Wenn ich lese, dass eine HartzIV-Familie den Schulzuschuss (100,- € pro Kind und Jahr für Hefte, Bücher etc., wir sprechen hier also nicht von Bereicherung) für ihre Kinder nur bis zur 10. Schulklasse bekommt, dann friert es mich. Was heißt das denn übersetzt? Wenn du Eltern aus einer HartzIV-Familie hast, brauchst du kein Abitur machen? Ist das unsere soziale Wirklichkeit, die Idee der durchlässigen Schichten hat ausgedient?

Fast genauso schlimm finde ich, dass das niemand weiß, wann immer ich das erzähle stosse ich auf großen Unglauben, wir haben keine Energie mehr für die Ungerechtigkeiten unseres Alltags, die die Wahrnehmung unserer Gesellschaft in den nächsten zwei Generationen verändern wird (ich nehme mich anderen Stellen da nicht aus). Weil die Kinder, die heute geboren werden, in den Klassen und Möglichkeiten denken, in denen sie aufwachsen und irgendwann niemand mehr da ist, der ihnen sagt, dass das nicht so sein muss.

Ich bin in den Achtzigern aufgewachsen mit der Idee, dass sich ein Mensch über Chancen und Leistung definiert und jeden Spielraum hat zu werden, was er kann und will. Wahrscheinlich gehöre ich der letzten Generation an, die dies als Selbstverständlichkeit begriffen hat.

Nun, dies soll ja eine Buchkritik werden, also bremse ich mich mit weiteren Beispielen, bei denen ich diese Kühle spüre. Wir finden sie allerorten, wenn wir von Menschen hören, die von ihrer Arbeit nicht mehr leben können, wenn wir begreifen, wie stark die Umverteilung ist, die in den letzten 30 Jahren stattgefunden hat, wenn wir die Machtlosigkeit spüren, die uns selbst und alle Organisationen, die für uns streiten sollen, ereilt hat. Heutzutage sind sich ja nicht mal mehr die Linken zu schade dazu, populistischen Anwerfungen gegen spanische Jugendliche zu machen, die Arbeit in den Ländern suchen, in denen es sie gibt (pfui Sarah Wagenknecht, singe nie mehr von den Völkern der Welt).

Gewünscht habe ich mir, diese Gefühle zu bündeln und einzuordnen, Ihnen sozusagen ein Kleid zu geben, in dem sie sich präsentieren können. Nun muss ich mich aber nicht mehr mühen, denn es gibt dieses Essay über die Würde des Menschen, die nicht verhandelbar ist, auch nicht für angebliche kapitalistische Notwendigkeiten.

Ich musste das Buch immer wieder weglegen, weil mich diese Themen einfach erregen und berühren. Teilweise fühlte ich sogar ein großes „Aber“ in mir, wenn das System des permanenten Wachstums und des Kapitalismus schonungslos angegriffen und in Frage gestellt wird.

Aber man muss so etwas denken und sagen dürfen und ich bin froh, dass Ilija Trojanow diesem verwirrenden Gefühl tiefen Unwohlseins eine Diskussionsgrundlage geben hat.

Also: Für mich unbedingt lesens- und bedenkenswert!

 

Autor

Ilija Trojanow, geboren 1965 in Sofia, wuchs in Kenia auf und lebt heute in Wien. Trojanow wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis 2000, dem Preis der Leipziger Buchmesse 2006, dem Berliner Literaturpreis 2007. Neben seinem umfangreichen literarischen Werk publizierte Trojanow Essays und Reportagen zu globalen politischen und kulturellen Themen. Zum Bestseller wurde „Der Weltensammler“ (2006), zuletzt erschien sein Roman „Eistau“ (2011).

in Fundstücke

Rick Kavanian im Vorderhaus am 12.11.13

Leute, ich weiß nicht, was ich euch mehr ans Herz legen soll, die Veranstaltung oder den Clip auf YouTube. Darum steht dieser Beitrag nicht nur unter Kulturtipps, sondern auch unter Fundstücke:

Rick Kavanian bei Zimmer frei, total klasse

 

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Rick Kavanian, EGOSTRIP (Comedy) (Ich hab schon Karten)

Rick Kavanian
Dienstag, 12 November,  20:30 Uhr
Verdammt! Rick Kavanian ist angeklagt, und steht vor Gericht. Warum? Keine Ahnung! Ist halt so!
Handelt es sich um eine Verschwörung – und wer steckt dahinter?
Etliche Fragen muss sich Rick Kavanian vom Hohen Gericht gefallen lassen: Was verdient man eigentlich so beim Fernsehen? Stimmt es, dass Sie nicht mehr kurzsichtig sind? Warum haben Sie 20 Pfennig in der Hosentasche? Und: Warum sprechen Sie eigentlich meinen Text?
Es wird eng für Rick, denn plötzlich legt der Hauptbelastungszeuge, ein Organhändler aus Bukarest, ein Tondokument vor, in dem man Rick im vertraulichen Gespräch mit seiner Mutter hört.
EGOSTRIP ist ein Ein Mann Kinofilm auf der Bühne – Mit Rick Kavanian in sämtlichen
Haupt- und Nebenrollen.
Allein durch fulminante Gestik und Mimik und eine riesige Bandbreite an Stimmen und Dialekten wechselt Rick Kavanian in Personalunion zwischen Angeklagtem, Richter, Verteidigern, Staatsanwälten, Zeugen und bringt solo und allein gleich die komplette Besetzung der Gerichtsverhandlung auf die Bühne.