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Mai 2013

in Versatzstücke

Eis-Lazzarin

Eis-Kaffee

Kennst du feste Überzeugungen? Wahrheiten, einmal beschlossen, nie hinterfragt?  Sitze mit meinem Vater auf der Parkbank, wir beobachten Vögel auf dem Sandstreifen vor uns, teilnahmsvoll sagt mein Vater “Arme Tauben, immer müssen die mit dem Kopf beim Gehen so vorzucken, weil die so kurzsichtig sind, dass sie sonst nicht sehen wo sie hinlaufen”. Bin acht und finde diese Erklärung vollkommen logisch. Arme Tauben. Erst mit über zwanzig, wieder auf einer namenlosen Bank, fällt mir plötzlich diese Szene wieder ein und ich fühle mich wahnsinnig enttäuscht, wer weiß, welchen Unsinn ich noch geglaubt habe.

Später, schon in der Ausbildung in Norddeutschland, bemerkte ich die irritierten Blicke nicht, wenn ich mit jemand ins Eis-Lazzarin gehen wollte. Immerhin, nie habe ich erlebt, dass sich jemand weigerte mitzugehen. Wahrscheinlich war das Wort Eis vertraut genug um einen Rest Zweifel in meinem Gegenüber zu sähen, es sei das eigene Unwissen, das Wort Lazzarin nicht zu kennen. In Freiburg, meiner Heimatstadt, wundert sich niemand über diese Formulierung, höchstens darüber, wenn eine falsche Abbiegung genommen wird. Gehen Sie zum Rathaus, drehen sich einmal um die eigene Achse und sie werden es finden. Es war das erste Eiskaffee am Platz und wir sagten immer “Komm, wir gehen ins Eis-Lazzarin”. Ich war schon Anfang dreißig und erntete einen Lachanfall, als ich meinem besserwisserischen Ex-Freund auf seine verwirrte Nachfrage erklärte, ich wolle doch nur ein Eis essen gehen. Und tatsächlich begriff ich erst in diesem Moment, dass ich nie erkannt habe, dass Herr Lazzarin der nette Mann war, der uns  das italienische Eis nach Freiburg brachte und es sich hierbei nicht etwa um einen festen Begriff für alle Eiskaffees in Deutschland handelte.

Schlussfolgerung: Auch wenn du gerne recht hast, gib zu, wenn du dich irrst. Sei nie sicher, dass deine Überzeugungen richtig sind. Erzähle deinen Kindern keinen Mist nur weil du es kannst.

in Kultur – Allover, Kultur – Poetry Slam

Poetry Slam IV – Städtebattle im Tanzsaal Friedrichsbau

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Eine neue Form des Poetry Slam, diesmal im Tanzsaal des Friedrichsbaus, ein Städtebattle zwischen je vier Slammern aus Freiburg und Bamberg.

Auf Freiburger Seite wieder Tobias Gralke mit zwei Texten, ein echter Poet. Sophie Passmann ist mit von der Partie, allerdings habe ich wieder einmal Schwierigkeiten Sie zu verstehen, Stimmlage zu hoch und sie nuschelt.

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Überhaupt, bei mir will zum ersten Mal beim Poetry Slam keine Stimmung aufkommen. Wir sind alle müde, gestern hatte ich Geburtstag und wir haben zusammen gefeiert, der heutige Abend hatte schon bei der Planung einen sportlichen Ansatz, eigentlich bräuchten wir einen Abend auf der Couch.

Zudem passt der Saal nicht, er hat weder das ehrwürdige Ambiente des Theaters noch die Urspünglichkeit einer Kneipe. Ein Teil des Saales ist bestuhlt, die Flügeltüren zum Außenbereich bleiben offen. Es ist kalt, zieht wie die berühmte Hechtsuppe, während der Vorträge beschließt das Personal Aufräumarbeiten im Flaschenregalt und es klappert und scheppert unentwegt.

Selbst beim Moderator, Sebastian 23, will kein Enthusiasmus aufkommen.

Kurz gesagt, wir haben es probiert, aber heute kein Gefühl der Begeisterung, ein ander Mal wieder…

in Kultur – Allover, Kultur – Bücher

Müdigkeitsgesellschaft von Byung-Chul Han

Produkt-Information

Ich gebe zu, dieser Text hat mich an meinen Rand gebracht und ich glaube, ich habe nur deswegen nicht locker gelassen, weil diese Buchempfehlung von einem Freund kam, dessen Meinung mir viel bedeutet.

Manche Textstellen habe ich mehrfach gelesen, den ganzen Text bis zu diesem Punkt zweimal. Ein Unterfangen, dass möglich ist, da es sich bei diesem Büchlein aus dem Verlag Matthes & Seitz (in der Reihe Fröhliche Wissenschaft!, haha) wirklich um ein dünnes Büchlein mit 60 Seiten handelt.

Der Autor Byung-Chul Han (geb. 1959 in Seoul, Südkorea) ist Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft an der Universität der Künste in Berlin und Autor diverser philosophischer Schriften und gesellschaftsrelevanter Essays.

Uff, so liest sich das dann auch. Ich kämpfte mich durch Sätze wie „Die Dialektik der Negativität ist der Grundzug der Immunität. Das immunologisch Andere ist das Negative, das in das Eigene eindringt und es zu negieren sucht“. Ich habe insofern keinen Trost, als das der Satz im Kontext auch nicht viel schneller zu begreifen ist, zumindest wenn man in der Verarbeitung von Abstraktionen nicht sehr geübt ist.

Trotzdem ist das Buch eine unbedingte Empfehlung, da der zugrundeliegende Gedankengang wirklich interessant ist. Und nun, es ist ein philosophisches Essay, die sperrige Lesart ist sozusagen immanent. Ich versuche mich hier also an einem umgangssprachlichen Exzerpt.

Die zentralen Aussagen lauten:

– Wir leben heute nicht mehr in einem immunologischen Zeitalter. Früher waren die Krankheiten, die uns beherrschten, bakterieller und -nach der Erfindung des Antibiotikums- viraler Art. Im Kleinen betrachtet waren wir hauptsächlich auf die Abwehr von Krankheiten, die von außen kommen, ausgerichtet. Übertragen auf die Gesellschaft unterschieden wir in Fremdes und Eigenes und Feind oder Freund. Diese Einstellungen spiegelten sich im Kalten Krieg und den gesellschaftlichen Ängsten wie z.B. vor einer Pandemie wieder. Das Andere war negativ und gefährlich und wurde in einer Immunreaktion abgewehrt.

– Die Globalisierung macht eine immunologische Gesellschaft unmöglich, die Andersheit , die eine Immunreaktion auslöst, würde eine Auflösung von Grenzen nicht zulassen.

Heute ist an die Stelle der Andersheit die Differenz getreten, aus einem direkten Gegenüber, dem Fremden, wurde eine Unterschiedlichkeit zum Eigenen, die keine Immunreaktion mehr hervorruft. So leiden wir heute an einem zuviel des Gleichen, Byung-Chul Han sagt hierzu: “ Das beginnende 21. Jahrhundert ist, pathologisch gesehen … neuronal bestimmt. Neuronale Erkrankungen wie Depression, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS), Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) oder Burnout-Syndrom (BS) bestimmen die pathologische Landschaft … . Sie sind keine Infektionen, sondern Infarkte … „.

– Die frühere Gesellschaft war eine Disziplinargesellschaft, in der die Negativität des Verbots und die Regel des Zwangs geherrscht hat, es galt das Nicht-dürfen und das Sollen. Hieraus ist heute eine Leistungsgesellschaft geworden, die beherrscht wird von der Idee des Könnens. Oder, im Zitat gesprochen: „An die Stelle von Verbot, Gebot oder Gesetz treten Projekt, Initiative und Motivation. Die Disziplinargesellschaft ist vom Nein beherrscht. Ihre Negativität erzeugt Verrückte und Verbrecher. Die Leistungsgesellschaft bringt dagegen Depressive und Versager hervor“.

– Dieser Wechsel ist auch enstanden, weil die Produktivität der Disziplinargesellschaft endlich ist. „Die Positivität des Könnens ist ist viel effizienter als die Negativität des Sollens“. Die Freiheit der Leistungsgesellschaft ist eine Chimäre, in einer Gesellschaft die sagt „Yes we can“ und „Nichts ist unmöglich“ wird die Ausbeutung durch die Selbstausbeutung des Können-Sollens abgelöst.

– In der Leistungs- und Informationsgesellschaft sind wir ständig einem zuviel an Reizen und Informationen ausgesetzt. Dies verändert unsere Aufmerksamkeitsstruktur in die Breite, ähnlich einem Tier, das während des Fressens, des Schlafens und des Paarens auch gleichzeitig die Beute verteidigen muss oder selbst nicht zur Beute werden darf. So ist Multitasking keine fortschrittliche Errungenschaft sondern ein Rückschritt ins tierische, das nichts losgelöst betrachten kann.

Tiefe Aufmerksamkeit wird für uns immer schwieriger, da schnelle Fokuswechsel zwischen verschiedenen Aufgaben unsere Aufmerksamkeit zerstreuen, Hyperaufmerksamkeit und Nervosität sind die Folge.

Der ständige Versuch alles zu wissen und alles zu Können führt zur kollektiven Erschöpfung.

– Gleichzeitig verlieren wir den Zugang zu negativen Gefühlen wie Wut oder Trauer, diese gehen in der allgemeinen Beschleunigung und Forderung nach Positivität unter. Dabei sind diese Gefühle große Einschnitte die zum Innehalten zwingen und zu Änderungen befähigen. Hierzu schreibt Byung-Chul Han: „Die Wut ist ein Vermögen, das in der Lage ist, einen Zustand zu unterbrechen und einen neuen Zustand beginnen zu lassen. Sie weicht heute immer mehr dem Ärgernis oder dem Angenervtsein, das keine einschneidende Veränderung zu bewirken vermag. So ärgert man sich heute auch über das Unvermeidliche, das Ärgern verhält sich zur Wut wie die Furcht zur Angst“.

– In diesem Sinne ist Kontemplation und Geduld für Langeweile ein Luxus, der kulturelle Leistung erst ermöglicht.

Der Schluss des Buches ist ein Plädoyer für Zwischen-Zeiten, ein Innehalten und Nichts-tun-müssen als Mittel gegen die Müdigkeit im und am Leben.

in Kultur – Allover

Douglas Adams – Parrots, the universe and everything (Last chance to see)

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Ihr Lieben,

in den frühen 90ern schenkte mir ein guter Freund eine Kassette mit einem Kleinod. Es war dieser Text, den Douglas Adams auf einer seiner wenigen Lesungen in Deutschland vorgetragen hatte. Er sprach betont langsam und pointiert, allerdings handelte es sich bei der Aufnahme um die Kopie einer Kopie einer Kopie von einem Walkman-Mitschnitts eines Bekannten des Freundes, so wurde die deutliche Aussprache durch Schwächen der Technik ausgelöscht.

Trotz dieser Einschränkungen (die man ja gewohnt war) konnte ich den Text mit den Jahren auswendig, ich konnte ihn so oft hören wie ein kleines Kind eine Liederkassette von Walt Disney. Er vertrieb mir unendlich oft die Zeit in der Badewanne, begleitete mich in der Schlaf und tröstete mich, wenn ich eigentlich etwas anderes machen sollte, worauf ich keine Lust hatte (wechselweise putzen und lernen).

Nach einigen Jahren, irgendwo zwischen einigen Umzügen und der Umstellung auf CD, ging mir die Kassette verloren und ich bedauerte es intensiv, kein Jahr seitdem, an dem ich nicht an diese Kassette gedacht habe. Ich habe versucht einen Mitschnitt in England zu kaufen, habe den Freund angebettelt nachzufragen ob es noch die Ursprungskassette gibt, nichts half.

Und jetzt schaut mal was ich gefunden habe: *freu und hüpf, ich liebe das Internet und ich liebe YouTube!

Der Vortrag ist brilliant, unendlich komisch, voller Sprachwitz, lehrreich. Bitte, nehmt euch doch mal Zeit dafür, ich verspreche es lohnt sich. Ich kann mich immer nicht entscheiden, welche Stellen ich am besten finde, im Moment ist es glaube ich Der Lemur und die Zweig-Technologie, der Toxikologe aus Australien (ab Minute 18:30) und der Kakapo (ab Minute 26:20). Aber das changiert.

Und hier noch ein Kommentar von zupergozer auf YouTube, dem ich nur zustimmen kann: „Dear Douglas. I know you went home and all, but can you come back? Earth misses you.“