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Versatzstücke

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Leben to Go

Heute hatte ich endlich mal Zeit, in meiner Lieblingsbuchhandlung zu stöbern. Sitze also auf meinem Schemelchen und lese quer durch all die Achtsamkeits- und Entschleunigungsbücher. Zwischendrin hatte ich eine nette Plauderei mit der Buchhändlerin und war gerade so recht entspannt mit all den kleinen Botschaften, die ich aufgeschnappt hatte, als mich ein Keuchen aufhorchen lies. Eine Kundin eilte an mir vorbei zur Buchhändlerin und fragte aufgeregt, sie hätte gerne eine Buchempfehlung gekauft, müsse aber gleich ihren Zug erreichen, ob man ihr schnell helfen können. Sie hätte gerne das Buch „Achtsamkeit To Go“.

Ich musste so lachen, erst recht als mir die Kundin augenzwinkernd verriet „Für mehr Achtsamkeit habe ich einfach keine Zeit“. Kenne das Buch nicht, aber den Ansatz finde ich skurril. Sachen gibt’s…

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Wider die Emotionalisierung der Welt

Zalando hat mir eine Mail geschrieben, sie vermissen mich. Da habe ich einmal fünf Paar Schuhe bestellt und dabei festgestellt, dass bei meinen Füßen Schuhe online bestellen gar nicht geht. Habe alle fünf Paar zurück geschickt und jetzt werden die emotional. So schnell geht das heute.

Erinnert ihr euch noch an die Autowerbung der 80er? Da bekam man tatsächlich zu hübschen Bildern noch ein paar Fakten, von 0 auf 100 in 8,9 Sekunden, Durchschnittsverbrauch nur 13 Liter (damals halt). Und heute? Sehen wir einen Spot, den Seat mit den einzigen und gehauchten Worten begleitet: „Auto Emotión“.

facebook hat beim Posten eine neue Funktion, passenderweise in der Leiste mit einem Smiley-Emoticon dargestellt „Neu: Teile, was du gerade fühlst oder tust.“. Zum Glück, sonst wären wir aufgeschmissen und müssten unsere Gefühle bei allem was wir tun unerwähnt lassen.

Das neu gekaufte Kleid wird in Gesprächen die ich mithöre mindestens zum Mega-Kracher, ein einfaches positives Adjektiv genügt nicht, erzeugt nicht genügt Emotionalität. Die Farbe wiedrum ist eine oft zurückgehaltende Information.

Eine hektische Arbeitswoche mit hoher Belastung wird parallel so lange stilisiert, bis die eigene Wichtigkeit genügend untermauert ist, man aber trotz dieser unmenschlichen Ansprüche überlebt und sogar noch besser ist als gefordert. Nämlich. Es sind wahrscheinlich die, die die Emotionen nicht mit großen Gesten rauslassen, die in den Burnout fallen.

Damit wir nicht unsicher werden, wie wir das finden sollen, benutzen sogar schon ehemals so sachliche Fernseh-Formate wir Panorama und (besonders) Report geschmäcklerisch-emotionserzeugende Formulierungen, begleitetet von diesem meist süffisanten Tonfall des Aufdeckers. Anscheinend traut man uns heute nicht mehr zu, bei einem sachlichen Sprecher und der blanken Information auch angemessen entrüstet zu sein.

Erstaunlicherweise führt in meinen Beobachtungen diese Emotionsinflation zu einer Abstumpfung, wir kommen nicht mehr hinterher, bei all diesen Gefühlen so angemessen Anteil zu nehmen, wir wir es eigentlich als soziale Wesen tun wollen.

Ich habe da eine Theorie, diese ganzen künstlichen, extern erzeugten Emotionen sind wie Schmelzkäse, bei übermäßigem Verzehr spülen Sie uns mit gesättigten Fettsäuren und Gefühlen und verstopfen unseren Organismus.

 

Ich habe mir also vorgenommen, in die Gefühlssaskese zu gehen.
Freunde in Not? Erzählt mir alles.
Freunde in überschäumender Freude? Ich komme zur Party.

Ansonsten erkläre ich mich zur Emotionsautistin, macht das unter euch aus, ich will nicht Anteil nehmen an planlosen Auswanderern, die Deutschland GoodBye sagen, assigen Restaurant-Besitzern, die in fettschmierigen Küchen scheitern oder dem Ärger über alles und jedes, der die Wut überlagert, die uns dazu bringt Dinge zu ändern.

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Weisheit to go

Vor einigen Tagen saß ich an einem sonnigen Urlaubstag in einem Straßencafé an einem schönen und schattigen Platz und war sehr zufrieden mit diesem Tag bis dahin.

Der einzige Störfaktor war der Kellner, der es auf eine unheimliche Art schaffte, gleichzeitig langsam, laut und unfreundlich zu sein. Ich atmete ruhig und hatte einvernehmlichen Blickkontakt mit der alten Dame am Nachbartisch, die die langwierige Prozedur des Bezahlens gegen alle Widerstände des Kellners geschafft hatte.

Langsam richtete sie sich auf, brachte ihren Körper in Position und machte sich auf den Weg. An meinem Tisch hielt sie inne, sah mich lächelnd an und sagte: „Ich habe gelernt, man muss die Menschen nehmen wie sie sind, andere gibt es nicht“ nickte und verschwand.

Eigentlich eine filmreife Szene, ich hüte sie als geschenkte Weisheit.

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Eis-Lazzarin

Eis-Kaffee

Kennst du feste Überzeugungen? Wahrheiten, einmal beschlossen, nie hinterfragt?  Sitze mit meinem Vater auf der Parkbank, wir beobachten Vögel auf dem Sandstreifen vor uns, teilnahmsvoll sagt mein Vater “Arme Tauben, immer müssen die mit dem Kopf beim Gehen so vorzucken, weil die so kurzsichtig sind, dass sie sonst nicht sehen wo sie hinlaufen”. Bin acht und finde diese Erklärung vollkommen logisch. Arme Tauben. Erst mit über zwanzig, wieder auf einer namenlosen Bank, fällt mir plötzlich diese Szene wieder ein und ich fühle mich wahnsinnig enttäuscht, wer weiß, welchen Unsinn ich noch geglaubt habe.

Später, schon in der Ausbildung in Norddeutschland, bemerkte ich die irritierten Blicke nicht, wenn ich mit jemand ins Eis-Lazzarin gehen wollte. Immerhin, nie habe ich erlebt, dass sich jemand weigerte mitzugehen. Wahrscheinlich war das Wort Eis vertraut genug um einen Rest Zweifel in meinem Gegenüber zu sähen, es sei das eigene Unwissen, das Wort Lazzarin nicht zu kennen. In Freiburg, meiner Heimatstadt, wundert sich niemand über diese Formulierung, höchstens darüber, wenn eine falsche Abbiegung genommen wird. Gehen Sie zum Rathaus, drehen sich einmal um die eigene Achse und sie werden es finden. Es war das erste Eiskaffee am Platz und wir sagten immer “Komm, wir gehen ins Eis-Lazzarin”. Ich war schon Anfang dreißig und erntete einen Lachanfall, als ich meinem besserwisserischen Ex-Freund auf seine verwirrte Nachfrage erklärte, ich wolle doch nur ein Eis essen gehen. Und tatsächlich begriff ich erst in diesem Moment, dass ich nie erkannt habe, dass Herr Lazzarin der nette Mann war, der uns  das italienische Eis nach Freiburg brachte und es sich hierbei nicht etwa um einen festen Begriff für alle Eiskaffees in Deutschland handelte.

Schlussfolgerung: Auch wenn du gerne recht hast, gib zu, wenn du dich irrst. Sei nie sicher, dass deine Überzeugungen richtig sind. Erzähle deinen Kindern keinen Mist nur weil du es kannst.