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Politik und Gesellschaft

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Trauerrede, tragen wir das Solidarsystem zu Grabe

Die neueste Meldung von den Koalitionsverhandlungen zum Thema Gesundheitspolitik: Einseitig werden die Beiträge in die Krankenversicherung für die Arbeitgeber auf heutigem Niveau eingefroren.

Ich könnte weinen, nach Jahren der dahingeschiedenen Reformversuchen in der Gesundheitspolitik hat man heue Nacht aufgegeben und das Solidarsystem zu Grabe getragen. Mit dem ewigen Argument der Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland entkoppelt man die Arbeitgeber nun auch ganz offiziell von der Verantwortung für die Arbeitnehmer.

Lasst uns raten, wie stark und erfolgreich die künftigen Bemühungen für ein zukunftsfähiges Gesundheitssystem sein werden, wenn nur eine Gruppe, die Arbeitnehmer, für das Scheitern der Bemühungen bezahlt. Ich rate: Es wird keine Bemühungen geben. Mit Schaudern wenden wir uns von der infizierten Wunde ab und lassen den Patienten Gesundheitssystem sterben. Tut uns leid, wir haben alles versucht, aber wir konnten ihn nicht retten.

Und an unsere Freunde in der Privatversicherung und an die Selbständigen, die sich nicht betroffen fühlen: Es geht hier um mehr als um zwei Prozent Steigerung in den nächsten drei Jahren oder einen läppischen Zusatzbeitrag. Es geht darum, dass unsere Wirtschaft keine gesellschaftliche Verantwortung mehr für die Mitglieder der Gesellschaft übernimmt, die insgesamt zum Erfolg dieser Wirtschaft beitragen, die das KnowHow, die Infrastruktur und die Manpower bereitstellen, um überhaupt wirtschaften zu können. Das ist ein solcher Systemwechsel, was denkt ihr, wird mit dem gesellschaftlichen Konsens passieren, die Starken mögen die Schwachen stützen, wenn solche grundlegenden Entscheidungen kritiklos durchgewunken werden? Worauf berufen sich die nächsten Generationen oder wir oder ihr wenn Schwäche oder Alter zuschlagen?

Und die SPD schämt sich nicht, mit einem einem pseudo-oppositionellen Habitus in die Kamera zu schauen und es als Jahrhundertereignis zu feiern, dass der dann künftig erhobene Zusatzbeitrag einkommensgestaffelt und nicht mehr pauschal erhoben wird. Da lache ich doch, solange nicht wenigstens alle mit allen Einkommensarten in ein gemeinsames Kassensystem einzahlen.

Boah, ich muss mich erst mal beruhigen, ich geh jetzt um den Block und danach in den Untergrund…

Mehr zum Thema, hier Spiegel-Online, aufs Bild klicken:

Koalitionsgespräche: Einigung bei Kassenfinanzierung

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Die Makaken von Cayo Santiago

Wie lernt man Status und Ansehen, sozusagen den Platz „an den man gehört“?
Forscher versuchen auf einer kleinen Insel in der Karibik Antwort auf solche Fragen zu geben.

Cayo Santiago, auch bekannt als Monkey Island, ist eine unbewohnte Insel im Karibischen Meer, die sich südöstlich vor Puerto Rico befindet. Sie erstreckt sich über 600 Meter von Norden nach Süden und 400 Meter von Osten nach Westen und wird von einer Population von knapp 1000 Makaken bewohnt.

File:DangerMonkeySign.jpg(Bildnutzung mit freundlicher Genehmigung von

Professor Alex O. Holcombe PhD,

School of Psychology, Sydney, Australia)

 

 

 

 

 

Auf diesem kleinen Landstreifen müssen die Primaten sich organisieren, Gruppen bilden und soziale Strukturen entwickeln, die sie überleben lassen. Ein Weiterzug in ein anderes Territorium ist durch die Gegebenheiten nicht möglich, sich konfrontieren und arrangieren die einzige Möglichkeit.
Gegründet wurde die Kolonie 1938 mit 409 indischen Affen und dem verrückt anmutenden Traum, eine Gesellschaft in der Entstehung zu beobachten um daraus Erkenntnisse über das Sozialleben des Menschen zu gewinnen. Betrieben wird die Forschungsstation heute vom CPRC (Caribbean Primate Research Center) der University of Puerto Rico.
Genforscher, Psychologen und Entwicklungsbiologen untersuchen disziplinübergreifend die Kolonie, und auch wenn die Wissenschaft versucht die „Vermenschlichung“ des Primatenverhaltens zu vermeiden, drängen sich Übertragungsmodelle auf.
Die Makaken von Cayo Santiago werden an einigen Stellen der Insel gefüttert und mit Süßwasser versorgt. Ergänzt wird der Speisezettel durch natürlich vorkommende Nahrung. Die Population hat sich in hauptsächlich drei Gruppen aufgeteilt, die innerhalb der einzelnen Gruppe absolute Hierarchien durchsetzen aber auch unter den Gruppen Hierarchien gebildet haben.

Will das Alphaweibchen der führenden Gruppe zum Trinkwasser, weichen die anderen Tiere sofort zurück. Hat solch ein Weibchen ein Junges, bringt es ihm nicht nur die Überlebensstrategien sondern auch die eigene Position in der Gruppe bei.

Zuerst macht sie den Weg zum Wasser gemeinsam mit ihrem Jungen, später wartet sie am Rand und unter ihrer Beobachtung weichen die anderen Tiere auch vor dem Jungtier zurück. Beobachtet wurde zum Beispiel eine Episode, bei der das unbedarfte Junge einer hierarchisch untergeordeten Mutter sich erdreistete (Achtung Vermenschlichung, drängt sich in der Formulierung aber auf), gleichzeitig mit dem Jungen der „Chefin“ trinken zu wollen. Das Alphaweibchen stürzte sich auf das Tier, packte es brutal und zerrte es zum Meer. Dort tunkte sie das Junge wiederholt und langanhaltend unter Wasser und ließ es danach verstört und erschöpft zurück (gedemütigt schreibe ich jetzt nicht, obwohl es vielleicht passend wäre). Dieser Affe hat seine Position gelernt.
Dies scheint mir doch ein gutes Beispiel zu sein, wie sich elitäres Verhalten durch Training vererbt und warum es sinnvoll ist, dass wir in einer Gesellschaft leben, die eigentlich die Festlegung der individuellen Rechte durch Herkunft überwunden hat. Damit nicht am Ende der eventuell verblödete Sohn der Chefin das Sagen hat nur weil er die Position geerbt hat.

 Also, immer wachsam bleiben, gegen Absolutismus und für die Chancengleichheit 🙂 !
in Kultur – Allover, Kultur – Bücher, Politik und Gesellschaft

Der überflüssige Mensch – Ilija Trojanow

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es gibt Gedanken die mich beunruhigen und die durch mich hindurchfließen wie ein unangenehmes Gefühl. Immer wenn die Bildzeitung ihre quartalsweise Hetzjagd auf Sozialschmarotzer eröffnet und ich mich frage, ob wir uns als eines der reichsten Länder der Erde das nicht mehr leisten können, die handvoll leistungsunwilligen Systembetrüger. Weil dabei eine Art Generalschuld entsteht für alle Menschen, die nicht mehr mithalten in unserer Zeit und weil es Prinzipien gibt wie die Rechtsstaatlichkeit und die soziale Fürsorge, die ich uneingeschränkt befürworte. Und weil es wirklich schlimmere Ungerechtigkeiten für Seite eins gibt als die 394,- € von Kalle, der Sozialsau, die auf Mallorca lebt.

Im Rechtsstaat gilt die Unschuldsvermutung bis zum Beweis des Gegenteils und ich weiß, dass dadurch manche entkommen.
Bei der Fürsorge gilt die Sorge um die Schwachen und ich akzeptiere, dass das System ausgenutzt werden kann.

Schrecklicher fände ich die Idee, einen Unschuldigen zu verurteilen oder einen Bedürftigen hungern zu lassen. Ganz abgesehen von der Wahrheit, dass es auch in Zukunft keine Vollbeschäftigung mit würdevollen Arbeitsplätzen geben wird, auch wenn wir alle Sozialschmarotzer gefunden haben.

Wenn ich lese, dass eine HartzIV-Familie den Schulzuschuss (100,- € pro Kind und Jahr für Hefte, Bücher etc., wir sprechen hier also nicht von Bereicherung) für ihre Kinder nur bis zur 10. Schulklasse bekommt, dann friert es mich. Was heißt das denn übersetzt? Wenn du Eltern aus einer HartzIV-Familie hast, brauchst du kein Abitur machen? Ist das unsere soziale Wirklichkeit, die Idee der durchlässigen Schichten hat ausgedient?

Fast genauso schlimm finde ich, dass das niemand weiß, wann immer ich das erzähle stosse ich auf großen Unglauben, wir haben keine Energie mehr für die Ungerechtigkeiten unseres Alltags, die die Wahrnehmung unserer Gesellschaft in den nächsten zwei Generationen verändern wird (ich nehme mich anderen Stellen da nicht aus). Weil die Kinder, die heute geboren werden, in den Klassen und Möglichkeiten denken, in denen sie aufwachsen und irgendwann niemand mehr da ist, der ihnen sagt, dass das nicht so sein muss.

Ich bin in den Achtzigern aufgewachsen mit der Idee, dass sich ein Mensch über Chancen und Leistung definiert und jeden Spielraum hat zu werden, was er kann und will. Wahrscheinlich gehöre ich der letzten Generation an, die dies als Selbstverständlichkeit begriffen hat.

Nun, dies soll ja eine Buchkritik werden, also bremse ich mich mit weiteren Beispielen, bei denen ich diese Kühle spüre. Wir finden sie allerorten, wenn wir von Menschen hören, die von ihrer Arbeit nicht mehr leben können, wenn wir begreifen, wie stark die Umverteilung ist, die in den letzten 30 Jahren stattgefunden hat, wenn wir die Machtlosigkeit spüren, die uns selbst und alle Organisationen, die für uns streiten sollen, ereilt hat. Heutzutage sind sich ja nicht mal mehr die Linken zu schade dazu, populistischen Anwerfungen gegen spanische Jugendliche zu machen, die Arbeit in den Ländern suchen, in denen es sie gibt (pfui Sarah Wagenknecht, singe nie mehr von den Völkern der Welt).

Gewünscht habe ich mir, diese Gefühle zu bündeln und einzuordnen, Ihnen sozusagen ein Kleid zu geben, in dem sie sich präsentieren können. Nun muss ich mich aber nicht mehr mühen, denn es gibt dieses Essay über die Würde des Menschen, die nicht verhandelbar ist, auch nicht für angebliche kapitalistische Notwendigkeiten.

Ich musste das Buch immer wieder weglegen, weil mich diese Themen einfach erregen und berühren. Teilweise fühlte ich sogar ein großes „Aber“ in mir, wenn das System des permanenten Wachstums und des Kapitalismus schonungslos angegriffen und in Frage gestellt wird.

Aber man muss so etwas denken und sagen dürfen und ich bin froh, dass Ilija Trojanow diesem verwirrenden Gefühl tiefen Unwohlseins eine Diskussionsgrundlage geben hat.

Also: Für mich unbedingt lesens- und bedenkenswert!

 

Autor

Ilija Trojanow, geboren 1965 in Sofia, wuchs in Kenia auf und lebt heute in Wien. Trojanow wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis 2000, dem Preis der Leipziger Buchmesse 2006, dem Berliner Literaturpreis 2007. Neben seinem umfangreichen literarischen Werk publizierte Trojanow Essays und Reportagen zu globalen politischen und kulturellen Themen. Zum Bestseller wurde „Der Weltensammler“ (2006), zuletzt erschien sein Roman „Eistau“ (2011).

in Politik und Gesellschaft

147 Firmen regieren die Welt

So Ihr Lieben,

hier ein interessanter Artikel aus der Frankfurter Rundschau, als Sie noch Sie selbst war (wer das Sterben der Printmedien, insbesondere der Tageszeitungen, nicht verfolgt hat erfährt hier mehr: _FAZ_ darf _FR_ übernehmen).

Der Beitrag (s.u. am Ende des Sermons) ist zwar schon älter, aber gefühlt hat seitdem die Konzentration der Macht in Superfirmen eher zugenommen. Ich rufe nur „Occupy“ und verhalle ungehört, denn ehrlich, wer hat von denen zuletzt etwas mitbekommen? Schweigen, als hätte es diese politische Meinung nie gegeben? Eine Idee, die einfach so gestorben ist?  Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Ehrlich, Freunde, ich bin so sauer, wusstet ihr, dass wir hier mal wieder das grausame Ergebnis von ach so unschuldiger Lobbyarbeit sehen? 850.000 Dollar war der Gegenwert dieser Strömung, lest selbst: 850.000 Dollar gegen Occupy.

Wer hier Hintergrundinformationen hat, immer her damit…

Zurück zur Macht und zum Geld, eine Studie der ETH Zürich (ganz seriös, die eidgenössische technische Hochschule) hat die internationalen Konzernverflechtungen nachvollzogen und 147 Firmen indentifiziert, die am Ende des Tages das wirtschaftliche Entscheidungspotential in Händen halten. Wir haben es geahnt, es rumort in unseren Bäuchen und Herzen, die Vorstellung von nationalen Regierungen, die nationale Firmen per Gesetze in die Gesellschaft einbinden, flankiert von nationalen Gewerkschaften, die die Arbeitnehmer schützen, ist eine romatische Vorstellung unserer Vorfahren.

FR_251011_147Firmen

siehe auch Song der Woche 14…

Und wer im Alltag überprüfen will, wie wenig Firmen noch übrig sind, der mache sich die Mühe und besuche die Seite www.wer-zu-wem.de, hier kann man über die Suche z.B. Produkte eingeben und bekommt die direkte Fimen, den Dachkonzern, weitere Marken der Gruppe, Mitbewerber etc. genannt. Gebt doch zum Spaß oder zum Frösteln mal Otto Versand ein und schaut euch die Liste der zugehörigen Firmen an. Ich wette, ihr werdet staunen…